Balve. Ba-Ba-Banküberfall heißt es in einem Lied der Ersten allgemeinen Verunsicherung, kurz E.A.V. aus den 80er Jahren. Was in dem Stück scherzhaft thematisiert wird, wurde im Februar 1957 bitterer ernst für einen Mann aus Balve. Seinerzeit war die Sparkasse im Hönnestädtchen noch im heutigen Volksbank Gebäude untergebracht. In „Geschichten aus der alten Zeit“ erinnert sich der kürzlich verstorbene Franz Gercken (siehe Nachruf) an jenen Tag, der ihn zum Helden machte.
Gegen 17 Uhr machte er sich auf, um die Tageseinnahmen aus dem Textilgeschäft, das er an der Balver Hauptstraße betrieb, zur Sparkasse zu bringen. Im Plausch über die anstehenden Karnevalsaktivitäten mit seinem Kegelbruder Hubert Hahn vertieft, bemerkten die beiden Freunde einen unbekannten jungen Mann, der die Bank schon vorher aufgesucht hatte und „seltsame Fragen“ gestellt hatte.
Plötzlich zog der Mann eine Pistole und forderte Franz Gercken, wie eine weitere Kundin auf, sich mit erhobenen Händen an die Wand zu stellen. Als der Räuber sich zum Bankier umdrehte, um das Geld zu fordern, packte Franz Gercken die Wut und er stürzte sich auf den Gangster, der vermutlich nicht schlecht staunte.
Die Dame, die dem Überfall beiwohnte, nutzte die Gunst der Stunde und suchte ihr Heil in der Flucht, während Franz Gercken in wildem Handgemenge versuchte den Bankräuber zu überwältigen. Während des Gerangels lösten sich zwei Schüsse, einer in die Wand und einer in die Fensterscheibe, bevor der mutige Balver der Waffe habhaft werden konnte und diese wegwarf.
Der aufgeschreckte Kassierer betätigte direkt die Alarmanlage und gab seinerseits einen Schuss aus seiner „Dienstwaffe“ ab, die den Textilienhändler in den „Allerwertesten“ traf. In anderen Quellen ist zu lesen, dass sich der Schuss aus der Waffe des verhinderten Räubers löste. Auch unsere Nachfrage bei der Polizei konnte dieses Mysterium nicht klären. Im Ergebnis gleich konnte der Bankräuber, der sich im Nachgang als der 19-jährige Tankstellen-Besitzer Stefan Melzer Grewe erwies, im Anschluss von mehreren Bankangestellten überwältigt werden.
Nach einiger Zeit trafen die Polizeimeister Röding und Schlinkmann auf Motorrädern ein. Auch Funkstreifen aus Arnsberg und Hüsten rückten an und konnten den Bankräuber festnehmen. Für die Tat wurde er später wegen versuchtem schweren Raubes in Tateinheit mit versuchten Totschlags zu fünf Jahren Jugendhaft verurteilt.
Erst zu Hause bemerkte Kaufmann Franz Gercken, dass er eine Verletzung davon getragen hatte. Im Krankenhaus wurde ein glatter Durchschuss am Oberschenkel diagnostiziert. An die verordnete achttägige Bettruhe hielt sich der Held seiner Geschichte allerdings nicht. Schließlich standen doch die Karnevalsfeierlichkeiten im „Kohnen-Saal“ an, die ja bereits Thema dieses Berichtes waren. Hier wollte er seine zukünftige Frau treffen.
Bedacht wurde Franz Gercken nicht nur mit viel Ehr’ sondern auch mit finanziellen Aufmerksamkeiten durch die Versicherung, die Polizei und die Bank. Außerdem bekam er von Vikar Lachmann den „höchsten Karnevalsorden, den der Kolping zu vergeben hat“.
Doch auch damit war es nicht getan. Regisseur Jürgen Roland wurde auf den Rummel um den damals 22-jährigen Balver aufmerksam und schickte sich an, das Geschehen für einen 10-minütigen TV-Krimi zu verfilmen. Zeugen der Dreharbeiten schmunzeln noch heute darüber, wie oft die beiden Schauspieler Polizisten auf ihren Motorrädern vorfahren mussten, bis sie so langsam waren, dass es dem Filmemacher passte.
In „Polizeibericht meldet“ thematisierte Roland in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei Kriminalfälle, die teils bereits gelöst waren, und stellte diese filmisch nach. Die Beiträge waren unterschiedlich lang und wurden zu unterschiedlichen Zeiten im Abendprogramm ausgestrahlt. Das Konzept wurde später für „Aktenzeichen XY“ adaptiert.
Später produzierte Roland in 22 Folgen den bekannten Straßenfeger „Stahlnetz“, der gelegentlich als Vorläufer des ARD-Tatorts interpretiert wird. Ein Großteil der Protagonisten des 28. Februars spielten sich in der Produktion selbst: Franz Gercken, Hubert Hahn, Hubert Baader, Heinz Hohnert und Gerda Meesen als Kundin. Der Bankräuber wurde nicht ans Filmset eingeladen, an seiner statt übernahm Josef Riese die Rolle.
Der Film wurde noch vor einigen Jahren öffentlich bei einer Veranstaltung der Sparkasse aufgeführt. Auf Nachfrage konnte die Sparkasse leider nicht bestätigen noch eine Kopie des Filmes zu haben. Bei unseren Recherchen stießen wir auf einen Hörzu-Bericht, der sich auf die Verfilmung beziehen könnte. Im Text aus dem Jahr 1958 zu Folge 23. von „Polizeibericht meldet“ heißt es: „’Vorsicht! Bankräuber schießen scharf!’ Das wird Jürgen Roland Ihnen heute in aller Deutlichkeit klarmachen. Denn in der letzten Sendung haben sich die Mitarbeiter aus dem Publikum zwar sehr tapfer gezeigt. Im Ernstfall jedoch hätte sich der eine Räuber gewiss nicht ohne Gegenwehr ergeben. Seine Pistole wäre nicht aus Holz, sondern aus kaltem Eisen gewesen.“ (Text: Hörzu 1/58)DP