Ein Lächeln der Kinder ist der Lohn für die schwierige Arbeit in Krisengebieten.   Fotos: privat

Mellen. Nur wenige Menschen entscheiden sich in einer Zeit, in der bewaffnete Konflikte, politische Spannungen und humanitäre Krisen weltweit zunehmen, bewusst dafür, dorthin zu gehen, wo Unsicherheit und Leid den Alltag bestimmen. Einer von ihnen ist Tim Gernert aus Mellen. Seit fast zehn Jahren engagiert sich der Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin ehrenamtlich in Krisengebieten – zuletzt im Januar 2026 in Nablus im Westjordanland.
Beruflich arbeitet Tim Gernert als Intensivpfleger im Spital Hirslanden in Zürich. Hochmoderne Medizin, strukturierte Abläufe und maximale Sicherheit prägen dort seinen Arbeitsalltag. Doch regelmäßig tauscht er diese Umgebung gegen Orte ein, an denen medizinische Versorgung unter schwierigsten Bedingungen stattfinden muss. Teile seines Jahresurlaubs investiert er bewusst in humanitäre Einsätze. Seine Familie begleitet diesen Weg mit Respekt – auch wenn die Sorge angesichts der politischen Lage stets mitschwingt.
Sein ehrenamtliches Wirken ist eng verbunden mit dem Hammer Forum. Die in den 1990er-Jahren gegründete Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern in Krisen- und Kriegsgebieten medizinische Hilfe zu ermöglichen – direkt vor Ort. Über die Jahre konnten durch zahlreiche Einsätze in verschiedenen Ländern tausende Kinder operiert und behandelt werden.

Tim Gernert engagiert sich ehrenamtlich in Krisengebieten, zuletzt im Westjordanland. Fotos: privat

Viele der jungen Patientinnen und Patienten leiden unter schweren angeborenen Fehlbildungen, komplexen orthopädischen Erkrankungen, schweren Verbrennungen oder Verletzungen infolge von Krieg und Gewalt. Für viele Familien ist das Hammer Forum die einzige Hoffnung auf spezialisierte medizinische Versorgung.
Tim Gernerts bisherige Einsätze führten ihn unter anderem in den Jemen – kurz vor Ausbruch des dortigen Krieges –, in den Gazastreifen vor der jüngsten Eskalation sowie zweimal ins Westjordanland nach Nablus. Sein bereits geplanter Einsatz in Somalia musste aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen.
Einsatz unter schwierigen Bedingungen
Der jüngste Einsatz im Januar 2026 führte das medizinische Team erneut nach Nablus ins Rafidia Hospital. Bereits bei der Ankunft in Tel Aviv kam es zu erheblichen Schwierigkeiten: Ein Kinderorthopäde des Teams erhielt von israelischen Behörden ohne nähere Begründung keine Einreisegenehmigung und musste nach stundenlangen Befragungen nach Deutschland zurückkehren. Für über 40 Kinder, die auf seine Behandlung warteten, bedeutete dies eine große Enttäuschung.
Solche Hürden sind für Hilfsorganisationen in der Region leider keine Seltenheit. Die politische Lage bleibt angespannt, und humanitäre Einsätze stehen immer wieder vor administrativen oder sicherheitsbedingten Herausforderungen.
Trotz dieser Umstände konnte das verbliebene medizinische Team in nur einer Woche rund 60 Kinder untersuchen und etwa 30 von ihnen operieren. Viele Eingriffe waren hochkomplex und dauerten mehrere Stunden. Arbeitstage von zwölf bis dreizehn Stunden im Operationssaal waren keine Ausnahme. Ziel war es, so vielen Kindern wie möglich zu helfen.
Unterstützt wurde das Team vor Ort von der Palestine Children’s Relief Fund (PCRF), einer in den USA ansässigen Hilfsorganisation, die durch palästinensische Kolleginnen und Kollegen die organisatorische Koordination übernimmt. Ohne diese Unterstützung wäre ein Einsatz in dieser Region kaum realisierbar.
Die Sicherheitslage blieb während des gesamten Aufenthalts angespannt. Schüsse in der Umgebung, Unruhen auf den Straßen und Berichte über nächtliche Hausdurchsuchungen gehörten zum Alltag – auch Mitarbeitende des Krankenhauses waren betroffen. Dennoch arbeiteten die Teams unermüdlich weiter.
Mehr als medizinische Hilfe

Der Intensivpfleger steht im Einsatzgebiet oft viele Stunden im OP.

Neben der unmittelbaren Versorgung der Kinder legt Tim Gernert besonderen Wert auf die Zusammenarbeit mit dem lokalen Personal. Ein zentraler Bestandteil der Einsätze ist der fachliche Austausch: Schulungen, gemeinsame Fallbesprechungen und praktische Anleitung sollen die Qualität der medizinischen Versorgung nachhaltig verbessern.
Palästina ist für ihn längst mehr als nur ein Einsatzort. Über die Jahre sind persönliche Beziehungen und Freundschaften entstanden, die selbst politische Spannungen überdauern. Immer wieder wird er gefragt, warum er sich freiwillig in Krisengebiete begibt. Seine Antwort ist schlicht: Für ihn ist der Beruf mehr als ein Job – er ist Berufung. Dankbarkeit darüber, helfen zu dürfen, steht für ihn im Mittelpunkt.
Bei seinem letzten Aufenthalt in Nablus entdeckte Tim Gernert gemeinsam mit Kolleginnen ein Waisenhaus in unmittelbarer Nähe zum Krankenhaus. Die Lebensumstände der Kinder berührten ihn tief. Aus dieser Begegnung entstand ein neues Herzensprojekt: Gemeinsam mit seiner Tochter Lena, ebenfalls Krankenschwester, sowie seiner Kollegin Rebecca Gallaun wurde die Initiative „Nurses for the Children of Palestine“ ins Leben gerufen.
Ziel des Projektes ist es, das Waisenhaus zusätzlich zur medizinischen Tätigkeit langfristig zu unterstützen – durch pflegerische Hilfe, Sachspenden und nachhaltige Begleitung. Damit soll den Kindern nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich Perspektive und Stabilität gegeben werden.
Am Ende des Einsatzes im Januar 2026 verabschiedete die Klinikleitung das Team mit großer Dankbarkeit. Wie so oft war der Abschied emotional. Niemand weiß, wie sich die politische Situation entwickeln oder ob ein Wiedersehen möglich sein wird. Doch die Hoffnung bleibt.
Der besondere Dank des gebürtigen Mellers gilt dem Hammer Forum, das diese Einsätze ermöglicht und organisiert. Spenden an das Hammer Forum (www.hammer-forum.de, Spendenhotline) tragen dazu bei, auch künftig medizinische Hilfe für Kinder in Krisengebieten sicherzustellen.
In einer Welt voller Unsicherheiten zeigt das Engagement von Tim Gernert, dass Menschlichkeit, Fachkompetenz und persönlicher Einsatz Grenzen überwinden können. Sein Weg steht stellvertretend für viele Ehrenamtliche, die im Stillen Großes leisten – und für Kinder, denen dadurch eine neue Chance auf ein besseres Leben geschenkt wird. LB