Märkischer Kreis/Stadt Balve. Das Gebiet der Stadt Balve wurde nach einem langen Prozess zum 1. 1. 1975 neu gegliedert. Ein einschneidender Schnitt wurde gemacht, in dem auch historische Verbindungen einfach gekappt wurden. Allerdings gehörten die Kirchspiele (Bezirke) Balve und Affeln von 1817 bis zum Jahr 1832 schon einmal zum Kreis Iserlohn, kamen dann aber in den Kreis Arnsberg. Das gesamte Amt Balve gehörte seit 1844 zum Kreis Arnsberg.
Mit der Neugliederung wurde das Amt Balve aus dem kurkölnischen Bereich (Kreis Arnsberg) herausgenommen und dem märkischen Teil des Sauerlandes zugeordnet. Noch schlimmer: Das Amt verlor große Teile ihres Gebietes an die Städte Hemer (Stephanopler Tal), Menden (Gemeinde Asbeck), Sundern (Teile von Mellen/Langenholthausen) und vor allen Dingen Neuenrade (Oberamt, mit Affeln, Altenaffeln und Blintrop). Bereits 1969 wurde in einer Gebietsreform die Gemeinde Küntrop zur Stadt Neuenrade aus dem Amt Balve ausgegliedert. Ohne das sogenannte Oberamt hätte Neuenrade bei der Neugliederung 1975 keine Überlebenschance gehabt.
Ein politischer Kampf um den Verbleib im Kreis Arnsberg in der ursprünglichen Größe des Amtes Balve im Vorfeld der Neugliederungs-Entscheidung wurde verloren. Am 1. 1. 1975 wurden die damaligen Kreise Iserlohn und Lüdenscheid zusammengelegt zusammen mit dem Amt Balve und wurden zum Märkischen Kreis.
In seiner jetzigen Form gibt es den Märkischen Kreis also tatsächlich zum 1. 1. 2025 seit 50 Jahren. Aber auch alle zugehörigen Städte und Gemeinden sind durch die Neugliederung neu entstanden. Ob dies ein Grund zum Feiern ist, bleibt dahingestellt, doch von historischer Bedeutung ist dieser 1. Januar 1975 auf jeden Fall. Daher befragte die Redaktion der HÖNNE-ZEITUNG den aus Mellen stammenden Landrat Marco Voge, Bürgermeister Hubertus Mühling, CDU-Fraktionsvorsitzenden Alexander Schulte, UWG-Fraktionsvorsitzenden Lorenz Schnadt und SPD-Ortsvereinsvorsitzende und Kreistagsmitglied Sigrid Schmidt in Interviews mit gleichlautenden Fragen.
Vor 50 Jahren wurde per Gesetz eine Gebietsreform umgesetzt, die Gewinner und Verlierer hervorbrachte. Die Stadt Balve in der heutigen Form gehörte damals sicherlich zu den Verlierern. Sehen Sie das 50 Jahre danach mit dem entsprechenden Abstand auch heute noch so?

Landrat Marco Voge
Die Gebietsreform war für Balve, aber auch für andere Städte und Gemeinden eine tiefgreifende politische Umgestaltung. Anfangs hat es sicherlich Unsicherheiten und Widerstände gegeben. Aber nach 50 Jahren können wir heute klar sagen, dass Balve Chancen und Potenziale genutzt hat. Von Verlierern würde ich hier nicht sprechen. Es ist wichtig, die positiven Entwicklungen zu sehen: Balve hat durch die Reform seine Eigenständigkeit und Selbstverwaltung behalten.

Bürgermeister Hubertus Mühling
Ich würde zum heutigen Stand nicht mehr von Gewinner oder Verlierer sprechen. Das Hier und Jetzt ist so, wie es ist. Damals waren wir eindeutig Verlierer und dieses damalige Gefühl wirkt auch nach 50 Jahren nach.

CDU-Fraktionsvorsitzender Alexander Schulte
Ich denke, der Blick darauf hat sich über die Jahrzehnte gewandelt. Natürlich gab es damals Stimmen, die den Verlust des Oberamtes als schmerzhaft empfanden. Das war sicherlich ein Einschnitt, und viele fühlten sich zunächst als Verlierer. Aber heute? Heute sehen wir eine Stadt, die stark und eigenständig ist, die ihre Identität bewahrt hat und sich dennoch in den neuen Strukturen wunderbar eingefügt hat. Wir haben uns weiterentwickelt und blicken heute als Stadt mit Stolz auf unsere Ortsteile, unsere Vereine und unsere Wirtschaft. Die Reform hat auch den Weg für Neues freigemacht und das Verhältnis zu den ehemaligen Ortsteilen, die nun zur Stadt Neuenrade gehören, und auch zur Nachbarstadt ist aus meiner Sicht super.

UWG-Fraktionsvorsitzender Lorenz Schnadt.
Ich sehe Balve immer noch als Verlierer. Zum einen sind die Dörfer des Oberamtes (Küntrop, Affen, Altenaffeln) aus der gewachsenen Bindung von Balve nach Neuenrade gewechselt, zum anderen ist Balve in den künstlich geschaffenen Märkischen Kreis gekommen. Betrachtet man nur die Wappen, dann haben alle Städte und Gemeinden des MK rot-weiße Karos, nur Menden und Balve nicht. Die beiden sind kurkölnisch und preußisch seit hunderten von Jahren und gehören geografisch, kulturell und landsmannschaftlich zum Sauerland, also HSK und nicht in den MK. Verlierer sind wir auch deswegen, weil bei uns kaum etwas von der MVG fährt und der Balver in der Regel auch nicht nach Lüdenscheid ins Kreiskrankenhaus, sondern eher nach Hüsten ins Karolinenhospital fährt. Über die Kreisumlage finanzieren wir die Schulden der anderen Städte z.B. Altena, Werdohl u.a.

Kreistagsmitglied Sigrid Schmidt
Vor 50 Jahren sahen sich die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Balve als Verlierer bei der Gebietsreform. Vor 50 Jahren habe ich dies, aufgrund meines Alters, nicht einschätzen können. Aus heutiger Sicht, kann gesagt werden, dass es viele Vorteile hat, einem starken Kreis anzugehören. Natürlich dominieren die großen Städte auch im Märkischen Kreis das Handeln, aber die kleineren Kommunen haben schon einiges an Einfluss. Dies ist auch daran zu erkennen, dass aus Balve 3 Vertreterinnen und Vertreter die Politik des Kreises mitgestalten können.
Es war für die politisch Verantwortlichen eine sehr große Herausforderung, so unterschiedliche Kommunen und Infrastrukturen mit so unterschiedlicher Geschichte zusammenzuführen. Dies ist aber nach nunmehr 50 Jahren recht gut gelungen.
Der Märkische Kreis war ja ein neues Gebilde in der NRW-Landschaft. Besondere Kraftanstrengungen waren erforderlich, um alle Städte und Gemeinden unter einen Hut zu bringen. Was meinen Sie, fühlen sich die Menschen im Märkischen Kreis nach zwei Generationen inzwischen ihrem Kreis verbunden?
Ja. Die Region hat sich als eine starke Gemeinschaft etabliert, die die Vorteile der Zusammenarbeit nutzt. Viele denken zuerst an das gemeinsame Nummernschild. Da man es jeden Tag vor Augen hat, ist es ein gutes und wichtiges Zeichen für die Zusammengehörigkeit. Aber der Kreis ist natürlich viel mehr. Über die Jahre sind aus meiner Sicht schon Identität und Heimatgefühl entstanden, auch durch die Unterstützung von Wirtschaft, Kultur, Veranstaltungen und gemeinsamen Projekten. Man fühlt sich heute nicht nur als Bewohner von Balve, sondern auch als Teil des Märkischen Kreises.
Ich denke schon. Auch wenn die historischen Verbindungen aus Balver Sicht in den alten Kreis Arnsberg – vor allem in Richtung Sundern und Arnsberg- nach wie vor stärker sind als eine Verbindung ins Lennetal oder nach Lüdenscheid. Diese alten Verbindungen sind ja viel älter als zwei Generationen Märkischer Kreis und haben uns Balver entsprechend geprägt. Das wird manch anderer Kommunen im Kreis sicher ähnlich so gehen, aber das wirkt in Balve besonders. Was über Jahrhunderte gesellschaftlich geprägt wurde, das wischen nicht 50 Jahre beiseite. Hier muss man vor allem die konfessionelle Seite der Gesellschaften sehen. Kirche und Glauben haben über Jahrhunderte die Grenze zwischen dem kurkölnischen und dem Märkischen Teil des heutigen Märkischen Kreises gezogen.
Ich glaube, dass sich die meisten Menschen mit Balve und ihren Ortsteilen stärker identifizieren als mit dem Kreis – aber das ist ganz normal. Wir sind als Kreis auch historisch und kulturell eher zusammengewürfelt, als zusammengewachsen. Wir Balver sind katholische „Kurkölner“ und fühlen uns in Teilen bis heute eher zum Sauerland zugehörig, als zum „Märkischen“. Beispielsweise bei den Schützen, bei den Fußballern oder auch bei uns Sängern wirken diese Strukturen bis heute nach.
Dennoch hat der Märkische Kreis über die Jahrzehnte eine eigene Identität entwickelt. Aber das braucht natürlich auch Zeit. Wichtig ist, dass wir als Region bei wichtigen Fragen zusammenstehen. Die Krisen und Herausforderungen in den vergangenen Jahren haben das nochmal verstärkt, weil vieles nur gemeinsam auf Kreisebene oder mit den Nachbarstädten geht.
Ich glaube, man hat sich gezwungenermaßen damit arrangiert (man kann es ja sowieso nicht ändern). Eine Liebesbeziehung ist es nicht geworden und wird es auch nicht. Auch finde ich den Namen (Märkischer Kreis) nicht besonders gelungen. Man wird immer angesprochen, ob der Märkische Kreis etwas mit Ostdeutschland, der Mark Brandenburg zu tun hat. Die Grafen von der Mark auf Burg Altena kennt doch niemand und wir aus dem kurkölnischen Teil des Sauerlandes hatten auch nichts damit zu tun.
Denken Sie nur an das Chaos mit dem Autokennzeichen! Erst LS, dann später MK.
Außerdem, wenn man auf den Sport schaut, z.B. Fußball, gelten immer noch die alten Ligen. Dort spielen die Balver Mannschaften traditionell immer noch im HSK. Da denkt niemand daran, in den MK zu wechseln.
Für die meisten Menschen ist der Märkische Kreis Heimat geworden. Selbst meine Generation kann sich kaum noch an die frühere Organisation erinnern. Es gab früher andere Autokennzeichen (in Balve erinnere ich mich an ein AR für Arnsberg), aber von den Veränderungen in der Verwaltung und Struktur war wenig zu merken. Menschen, die um einiges älter sind, werden dies vielleicht noch anders sehen, da sie die großen Veränderungen intensiver mitbekommen habe.
Ich persönlich habe die Neugliederung hautnah damals mitbekommen und das Oberamt trennte sich ungern von Balve und ging in die Stadt Neuenrade über. Man hoffte damals, dass es im Verlauf der kommenden Jahre zu einer Fusion von Balve und Neuenrade gekommen wäre. Dazu ist es nie gekommen. Bedauern Sie dies? Könnten Sie sich das auch heute noch vorstellen?

Die Zusammenarbeit zwischen Städten wird voraussichtlich ein immer größeres Thema in der Zukunft. Hier denke ich an interkommunale Zusammenarbeit, den demografischen Wandel oder die Digitalisierung. Gemeinsame Lösungen und Ansätze sind sinnvoller, als Kirchturmdenken. Aber die grundsätzliche Eigenständigkeit stellt heute keiner mehr in Frage. Tendenzen zu einer erneuten Gebietsreform spüre ich in keiner Weise.

Aber Spaß beiseite; ich weiß nicht, was vor dem Hintergrund des demografischen Wandels demnächst auf uns zukommt, aber wenn wir mal fusionieren müssen oder sollen, dann kann ich mir nur Neuenrade vorstellen. Wir haben einen guten Austausch auf vielen Ebenen, arbeiten eng im touristischen Bereich zusammen, haben oft die gleichen Ansichten und decken mit unseren Stadtgebieten das obere Hönnetal ab.



Wir wollen uns mal auf das Positive beschränken. Welche Vorteile hat Ihrer Meinung nach im Rückblick die Neugliederung für die Stadt Balve gehabt?





Haben die einzelnen Gemeinden, die in der neuen Stadt Balve aufgingen, 50 Jahre danach ihre Identität behalten können?





Haben Sie von Ihren Eltern, Großeltern usw. irgendein Döneken gehört, das die Neugliederung betrifft?





Warum macht man in Balve keine „Geburtstagsfeierlichkeit“? Schließlich war es einer der bedeutendsten Einschnitte für die Region – weg vom Kreis Arnsberg, Verlust von großen Gebieten mit mehr als 1000 Bewohnern. Oder haben Sie Sorge, dass es auch 50 Jahre danach lediglich eine Feier würde, in der man nur das Negative sehen würde?





Zum Schluss noch eine persönliche Frage, sofern Sie selbst das Alter der Stadt Balve überschritten haben. Wie haben Sie die Neugliederung privat miterlebt? Hat das in irgendeiner Weise Einfluss auf Ihr Leben gehabt?





Die Interviews führte Roland Krahl per E-Mail
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