Im Prallhang nistet der Eisvogel und viele andere Tiere fühlen sich dort wohl. Foto: privat
Balve. Unter dem Titel „Einzigartige Bachfauna des Sauerlandes“ veröffentlichte die HÖNNE-ZEITUNG bisher zwei Teile. Hier geht es nun weiter mit dem letzten Teil:
Der Prallhang entsteht durch einen Richtungswechsel des Baches. Im Prallhang hat der Eisvogel seine Nisthöhle. Die reichhaltige Insektenfauna in diesem Bachabschnitt bildet die Nahrungsgrundlage für Bachforellen, Wasseramseln, Gebirgsstelzen und Wasserspitzmäuse. Kleinere Fische wie Elritzen und junge Forellen dienen als Nahrung für den Eisvogel.
Die Insektenlarven, darunter Eintagsfliegen-, Steinfliegen- und Köcherfliegenlarven, leben unter und auf den Bachsteinen. Sie sind durch Körperform, Sauerstoff- und Temperaturbedarf an diesen Lebensraum angepasst. Der Bach braucht die ihn begleitende Ufervegetation, um im Sommer die Wassertemperatur unter 15ºC zu halten. Temperaturen darüber machen ein Leben für die Bachforelle und seine Nährtiere unmöglich.
Doch wie hängt all das mit dem Hochwasserschutz zusammen? Ich möchte deutlich machen, dass in einem Bach eine enge Beziehung zwischen Wasserführung, Bachbreite, Bachsohlenstruktur und der darin lebenden Fauna besteht. Um dieses System zu erhalten, muss der Hochwasserschutz entsprechend angepasst werden.
In vielen politischen Diskussionen zum Hochwasserschutz orientiert man sich an der Renaturierung der Lippe. Doch die Lippe, ein langsam fließender Fluss mit schlammigem Untergrund und einer Wassertemperatur, die eher der Lufttemperatur entspricht, ist ein völlig anderes Gewässer als unsere Bäche. Fische und Insektenlarven sind an diese Verhältnisse angepasst.
Im Gegensatz zu den Sauerlandbächen, wo die steinige Bachsohle das wichtigste Biotop ist, ist es hier das freie Wasser. Insektenlarven, Kleinkrebse und Fische haben in der Lippe kaum Bindung an den Untergrund. Die Renaturierung der Lippe erfolgte durch das Aufbrechen starrer Uferstrukturen, sodass der Fluss mehr Raum erhielt, um sich in Haupt- und Nebengerinne zu gliedern. Doch diese Maßnahmen, die für die Lippe von Vorteil sind, könnten unsere Sauerlandbäche in ihrer Lebensfähigkeit gefährden.
Bei Wassermangel suchen die Bachbewohner der Lippe, wie auch die mobilen Insektenlarven, die Gerinne mit ausreichend Wasserführung auf. Das wäre den an den steinigen Untergrund gebundenen Insektenlarven und Fischen (z.B. der Groppe oder den im Feinkies steckenden Larven der Neunaugen) in Sauerlandbächen nicht möglich. Die in Sauerländer Bächen lebenden Tiere sind auf einen stabilen, steinigen Untergrund angewiesen.
Die Erweiterung des Flussbettes in der Lippe hat nicht nur der Artenvielfalt geholfen, sondern auch den Hochwasserschutz verbessert. Die Rückhaltung von Wasser in den Bächen des Sauerlandes erfordert jedoch eine andere Strategie. Eine Retention in den Bächen durch Bachbetterweiterung ist nicht möglich, da dadurch die Beziehung zwischen Bachstruktur und Bachfauna empfindlich gestört wird.
Eine alternative Möglichkeit wäre, an den Oberläufen der Bäche oder dort, wo Freiflächen zur Verfügung stehen, durch den Bau von Regulierungsbauwerken künstliche Engstellen zu schaffen. Diese sollten so gestaltet werden, dass sie bei normalem Hochwasser das Wasser passieren lassen, aber bei starken Regenfällen die Wasserführung brechen und so die Spitze des Hochwassers dämpfen.
Den Bachbewohnern schadet diese kurzzeitige Überstauung nicht; es gehört zu ihrem Lebensrhythmus. Retention an den Oberläufen der Bäche schützt nicht nur Ortschaften, sondern auch die Unterläufe der Bäche vor hydraulischer Zerstörung der bachtypischen Strukturen. Alternativ wäre auch die Anlage von Auen parallel zum Bach, ohne diesen zu beschädigen, möglich.
Fast noch wichtiger als die Retention im Tal ist die Retention in unseren Wäldern. Wenn man bedenkt, dass etwa die Hälfte des Märkischen Kreises mit Wald bedeckt ist und dort die Hälfte des Niederschlags zu Boden fällt, wird die Bedeutung des Waldes als Wasserspeicher deutlich. Der Waldboden wirkt wie ein Schwamm: Humus kann das Zwanzigfache seines Eigengewichts an Wasser speichern.
Je besser das Laub durch Bodenlebewesen zerkleinert wird, desto mehr Wasser kann der Boden halten (bis zu 110 Liter pro Quadratmeter). Für unsere Sauerlandtäler muss erreicht werden, möglichst viel Wasser im Wald zu speichern. Der Waldumbau, der durch den Klimawandel nötig wird, sollte daher auch aus der Perspektive des Hochwasserschutzes erfolgen.
Tiefwurzelnde Laubbäume, die leicht verdauliches Laub liefern, sollten bevorzugt werden. Das fördert die laubzerkleinernden Organismen und vergrößert die Schwammfunktion des Waldes, da zersetzte Blätter eine größere Oberfläche bieten und so mehr Wasser anlagern können als intaktes Laub.
Wichtig wäre es auch, den Boden auf dem Hang zu halten. Dazu müssten zuallererst die Spuren der Harvester beseitigt werden. Auch wäre zu überlegen, ob man nicht quer zum Hang aus Strauchwerk und Pfählen Erosionsbarrieren, ähnlich wie beim Dünenschutz, anlegt.
Vielleicht könnten auch quer zum Hang verlaufende Gräben helfen, anfallendes Wasser auf der Fläche zu verteilen. Wir im Sauerland müssen einen eigenen Weg finden, das Problem der Katastrophenhochwässer zu lösen. Dabei muss der Hochwasserschutz so gestaltet werden, dass er die einzigartige Bachfauna schützt und gleichzeitig die Sicherheit unserer Dörfer gewährleistet.
Kontakt: stueeken-gransau@t-online.de


