Neuenrade. An einem grauen Wintermorgen, ich schaute aus dem Fenster in den Garten, da traute ich meinen Augen nicht. Der graue Morgen wurde noch grauer. Draußen, im tauenden Schnee, zeigten sich sage und schreibe zweiundvierzig Maulwurfshaufen.
Das konnte doch nicht wahr sein! Oh nein! Dieser Bursche hatte, unter dem Schnee versteckt, in aller Ruhe eine ganze Siedlung gebaut. Und die Hügel wurden nun erst, bei tauendem Schnee, Hundehaufen ähnlich, deutlich sichtbar.
Was denn nun ???
Ich erkundigte mich, wo ich nur konnte, um diesem neuen Gartenbewohner von unserem Grundstück abzuraten und erhielt mehrere Ratschläge:
Haufen einfach flach harken – lächerlich. Haufen aufgraben, Steine verbuddeln – noch lächerlicher.
Wenn ich mal einen Haufen entfernte, schmiss der Bursche, wahrscheinlich leise vor sich hin kichernd, gleich zwei neue – also auch negativ.
Dann sollte ich ein Laubblasgerät kaufen, weil eine TV-Werbung ziemlich glaubhaft wirkte. Da steckte man den Schlauch in ein Maulwurfsloch, stellte das Gerät an und dann sausten die Maulwürfe aus den Löchern. Das stimmte natürlich nicht, und der Tierschutz verbot diese Werbung auch schnell – wieder negativ.
Dann empfahl man mir ein Akustikgerät. Ich hörte aber, dass sich der Maulwurf über den Piepton nur schlapp lachte und sich die Nachbarn müde schimpften – negativ.
Ich stellte Schilder auf „Lieber Maulwurf, du sollst zum Nachbarn kommen, der hat Leckerchen für dich!“ – total albern. Mir fiel ein, dass Maulwürfe ja nicht lesen können, weil sie angeblich blind sind.
So ging das immer weiter, bis ich einsah, dass diese Situation nur mit viel Liebe zu retten sein könnte.
Ich nahm den Maulwurf in unsere Familie auf.
Wir gingen auf Zehenspitzen und flüsternd durch den Garten. Der Rasen wurde von Hand mit der Schere geschnitten. Die Enkelkinder mussten auf städtische Kinderspielplätze ausweichen. Selbst beim Grillen steckte ich mindestens eine Wurst in einen der zahlreichen Hügel. Alles nur, um den kleinen „Schaufelbagger“ bei Laune zu halten. „Er ist doch auch soooo süß“, wie man in der „Sendung mit der Maus“ sehen kann.
Doch nach vielen Monaten kam dann plötzlich die Trennung. Ich hörte von einer Weinflaschenmethode, mit der man den Maulwürfen Musik bieten könnte. Das wollte ich unserem Hausfreund auch gönnen.
Man steckt in jedes Loch eine leere Weinflasche. Natürlich die Öffnung nach oben, so kann der Wind, leise über den Flaschenhals wehen und es ertönt ein dumpfer Pfeifton. Genau dieser Pfeifton ist wie Musik für die Maulwürfe.
Nur für unseren nicht. Er fand wohl an dieser Musikrichtung keinen Spaß, denn es dauerte nicht lange, bis er sein Köfferchen packte und uns verließ.
Ooooooooh!
Ich war ganz schön erstaunt über das plötzliche Verschwinden unseres Freundes, denn ich muss sagen, dass das Musikmachen mit der Weinflaschenmethode gar nicht so einfach in der Vorbereitung war. Die Flaschen mussten ja irgendwo herkommen.
Meine Frau sammelte fremde Flaschen. Ich sammelte eigene. Jeden Tag kamen Freunde die mir bis spät in die Nacht halfen, die Leergutbeschaffung zu forcieren. Harte Tage vergingen, dann benötigte ich nur noch Hilfe, um mit dem Leergut die Löcher zu treffen.– Aber was soll ich noch lange erzählen?
Unser Maulwurf war ruckzuck weg.
Ich übrigens auch. Im Heim (auf Entzug).






