Balve. „Lassen sie uns auf den Balkon gehen, dann verstehen Sie besser was ich meine.” Alfons Rath hat mich zu sich nach Hause eingeladen, um über Balve zu sprechen. Balve, ein Thema, das den über 80-Jährigen Zeit seines Lebens beschäftigt hat und seine Augen noch heute funkeln lässt.
Und wenn man ihm auf den Balkon folgt, versteht man auch wirklich warum: Tag für Tag ist das erste, was diese funkelnden Augen sehen die gesamte Stadt mit ihren Höhenzügen des Balver Waldes und natürlich mit der alten Stadt im tiefen Tal, die dereinst Theodor Pröpper, den Rath natürlich persönlich kannte, besang. Und auch das Letzte, was er sieht, sind die Wipfel der Fichten, zumindest derer, die noch – oder wieder – da sind, nach dem verheerenden Sturm Kyrill, der die mächtigen Gewächse im Frühjahr 2007 auszupfte wie Kinder Gänseblümchen.
Alles begann in diesem Stück Wald oberhalb des Iserlohner Spring. Vor über 70 Jahren streifte der junge Alfons mit seinem Vater durch die Wälder. Unterwegs entdeckten sie ein Reh. Die beiden pirschten das Reh an, doch als sie die Stelle im Hang erreichen, wo es sein sollte, war es verschwunden. Stattdessen standen die beiden bald vor einem gewaltigen Wall. Ein „Hünengrab“, wie der Vater es erklärte. Seitdem war der kleine Alfons gepackt.
Zuhause angekommen ließ ihn der Wall nicht los. Vaters Bibliothek brachte Hilfe. In „Geschichte der Pfarreien des Dekanats der Stadt Arnsberg“ wurde man fündig. Allerdings statt den Wissensdurst zu löschen, gossen die neuen Informationen eher Öl ins Feuer: Neben den „Hünengräbern“ in der Gleiern war dort von Ballova, einer Wallanlage, dem sächsischem Volk und keltischen Grabhügeln die Rede.
Viele Flausen, die den Kopf des Bengels bis in seine 80er nicht verlassen sollten. Wenn Rath heute von seinem Balkon aus herab blickt, kann er genau auf die Stelle sehen, wo damals alles begann. Der Iserlohner Spring.
Gern nimmt er ein Lineal zur Hand und demonstriert diese Sichtlinie auf der Katasterkarte. Doch dies ist nicht die einzige Linie die er zeichnet. Neben der Wallanlage in der Gleiern, die mittlerweile auf etwa 50 v. Christus datiert wurde, gibt es seiner Ansicht nach zwei weitere strategisch wichtige Punkte in Balve, die in direktem Zusammenhang stehen.
Da wäre zum einen der Burgberg in Mellen mit seiner ebenfalls über 2000 Jahre alten Wehranlage und zum anderen natürlich die Balver Höhle, die als eine bedeutende Fundstelle für frühgeschichtliche Kulturgüter in Europa gilt. Die Freiheit dieser Sichtachse habe Rath auch vor einigen Jahren selbst überprüft. Bei gutem Wetter könnte man durch „Winken, Trommeln, Blinken“ Informationen von A nach B nach C transferieren und so die drei Punkte strategisch wertvoll miteinander verknüpft haben. So seine interessante, wenn auch unbelegte Hypothese.
Ballova – ein Knotenpunkt schon weit vor dem Mittelalter
Er liest die Kombination aus Anlagen als Beleg für die Wichtigkeit Balves weit vor dem Mittelalter. Doch Rath geht noch weiter in seinen Überlegungen zum Knotenpunkt Ballova, wie Balve in ersten historischen Überlieferungen benannt wird. Wenn man noch viel weiter zurückschaut, als er sich erinnern kann, erkenne man, dass Balve an der alten Nord-Süd Verbindung Haarstrang – Siegerland gelegen sei.
Das Verbindungsstück durchs Hönnetal sei über Jahrhunderte hinweg geradezu legendär schlecht gewesen: „So etwas Schlimmes sah ich noch nie, ach wäre ich schon in Sanssouci“, zitiert Rath den damaligen Postillion. Erst 1841 wurde eine neue, bessere Wegeverbindung geschaffen.
Bis dahin war man die Kundschaft nördlich des Hönnetals aber bereits los gewesen. Diese kaufte schon lange in Menden, wo erst 400 Jahre nach Balve ein Markt eingerichtet wurde, gegen den Balve seinerzeit wohl auch geklagt habe, erklärt Rath.
Eine weitere Verbindung gab es zwischen Soest und Solingen, die von Nord-Westen kommend über Arnsberg Hüsten, Hachen letztlich über Balve weiter Richtung Solingen führte. Heute kenne man die Strecke als B229.
Auch gab es laut „Berichten der Alten“, den Alfons Rath eigenen Angaben nach gern zuhörte, einen alten Fußweg Richtung Iserlohn. Schaue man dann noch, wie lange Balve bereits im frühen Mittelalter Marktcharakter hatte (um 800), wie früh eine eigene Kirche gebaut wurde (800-900) und das Balve schon früh eine eigene Gerichtsbarkeit hatte, werde deutlich, wie wichtig der Ort schon damals für die Umgebung war.
Für Alfons Rath ist Balve das auf jeden Fall. Das merkt man jedem seiner Worte an, wenn er davon erzählt, wie ihn das Thema über die Jahre hinweg nicht losgelassen hat. Wenn er mit dem Traktor durch den Balver Wald fuhr, um die verschiedenen Verbindungswege zu erkunden. Oder wenn er immer wieder die Wallanlage besucht hat, die ihn bereits als Kind so in den Bann zog. Noch heute spürt man diese kindliche Begeisterung, die sich ihm offenbarte, als er das erste Mal in die Bibliothek seines Vaters schaute.
Nibelungensage: Erfand Wieland der Schmied in der Balver Höhle den Stahl?
Wo er keine Literatur mehr finden kann lässt er Sagen erzählen („Wenn Sagen uns was sagen dürfen“). Das Nibelungenlied wurde schon mit vielen Städten in Verbindung gebracht und viele haben es bereits mit Balve verbunden. Wieland der Schmied erfand den Stahl in der Balver Höhle? Zumindest stellt Rath dies in den Raum.
Fakt ist: Eisenverhüttung hat eine lange Tradition im Sauerland, wegen des hohen Waldbestandes und des Eisenvorkommens. Für die frühe Neuzeit und das Spätmittelalter ist die Eisenverhüttung beispielsweise in der Luisenhütte auch sehr gut belegt.
Ob im Umfeld der Wallanlage in der Gleiern bereits Eisen verhüttet wurde, ist archäologisch nicht belegt – erscheint jedoch im regionalen Kontext nicht ausgeschlossen. Allerdings spielt das Nibelungenlied in Worms am Rhein.
Doch auch hier weiß sich Rath Rat: Er nennt Dr. Ritter, den er persönlich kennenlernen durfte, der in seinem Buch „Die Nibelungen zogen nordwärts“ eine Strecke vom Rhein bei Bonn über Dortmund nach Soest nachgezeichnet habe. Auch hier läge Balve auf dem Weg. Ein weiteres Indiz für seine Vor-Mittelalterliche Relevanz – zumindest nach dieser Lesart.
Hochschullehrer Heinz Ritter-Schaumburg machte in den 1970er Jahren auf sich aufmerksam, als er das Lied der Nibelungen auf den Kopf stellte, oder zumindest dessen Landkarte und Datierung. Er behauptete, der historische Kern des Liedes ginge auf die Zeit der Völkerwanderung um das Jahr 500 zurück und deren handelnde Personen seien erst später quasi-historisiert worden. Der hunnische König Attila sei demnach ein Friesenprinz ähnlichen Namens, der seinerzeit Soest erobert hielt. In der germanistischen Forschung gelten seine Thesen heute als widerlegt. Dennoch ein schöner Gedanke, dass das Ballofa, wo Wieland das Schmieden gelernt haben soll, unser Balve war.
Nicht nur Ritter lernte Rath kennen. Über die Jahre hinweg sprach er mit verschiedenen Archäologen mit unterschiedlichsten, teils widersprüchlichen Meinungen. So wurde ihm berichtet, dass beispielsweise in der Anlage am Burgberg Münzen, datiert auf die Zeit um das Jahr 0 gefunden wurden.
Über 2000 Jahre – da erscheinen einem die eigenen 80 Lebensjahre wenig, wenn man daran zurückdenkt, wie man einst mit seinem Vater im Wald einem Reh hinterhergejagt ist. Mit einer zufälligen Begegnung im Wald hat damals alles begonnen. Ein Zufall, der für Alfons Rath eine Lebensfrage begründete, die ihm auch an diesem Abend wieder durch den Kopf geht, wenn er auf seinem Balkon steht und auf den Balver Wald hinausschaut: Wie alt ist Balve wirklich? DP



