Balve. Das Hausarztprogramm geistert immer mal wieder durch die Presse als die optimale medizinische Versorgung durch den Hausarzt bei gleichzeitiger Reduzierung der Gesundheitskosten. Die Teilnahme daran ist freiwillig. Doch was bringt das Programm wirklich für den Patienten. Dazu befragte die HÖNNE-ZEITUNG Dr. Paul Stüeken, der in Balve eine Hausarztpraxis betreibt.

1. Herr Dr. Stüeken, das Hausarztprogramm bringt sicherlich den Vorteil für Sie, dass Sie über alles, was für ihren Patienten medizinisch relevant ist, im Bilde sind. Ist das im Hinblick darauf, dass ja sowieso in Zukunft alle Daten auf dem Chip der Gesundheitskarte gespeichert sein sollen, erforderlich? Welche Vorteile hat denn der Patient durch die Teilnahme am Hausarztprogramm?
Hierbei müssen wir ein paar Dinge voneinander trennen. Natürlich wird es in Zukunft so sein, dass viele Gesundheitsdaten in der elektronischen Patientenakte gespeichert sind. Diese Akte ist aber in die Zukunft gedacht und füllt sich erst nach und nach. Nach Anlage der Akte war diese zunächst leer. Somit wird es noch eine Zeit brauchen, bis die elektronische Patientenakte sinnvoll gefüllt ist. Zudem nehmen die Krankenhäuser und weitere Leistungserbringer im Gesundheitswesen (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopädie etc.) noch nicht teil.
Natürlich ist es richtig, dass beim Hausarzt Programm sich der Patient zunächst beim Hausarzt vorstellt. Hier wird im Gespräch und Verlauf geklärt, ob ein Facharzt notwendig ist. Auch die korrekte Fachrichtung kann dadurch geklärt werden. Somit laufen die Patienten nicht ungesteuert durch das immer komplexere System und besuchen gegebenenfalls den falschen Facharzt für ihr Anliegen.
Das Hausarzt-Programm hat den Sinn und Zweck der besseren Steuerung des Patienten. Man kann das mit dem Grundgedanken des Primärarztsystems vergleichen. An der Etablierung arbeitet gerade die aktuelle Bundesregierung. Die Hausärzte verstehen nicht, warum man das erprobte und wissenschaftlich evaluierte Modell nicht einfach fortführt. Studien-Daten zeigen, dass die Patienten im Hausarzt-Programm deutlich besser versorgt sind. Leider müssen wir in Deutschland immer Pa­rallelstrukturen aufbauen. Das kostet Geld und Ressourcen.
Vom Grundsatz her ist das System in Deutschland sowieso so aufgebaut, dass die Patienten sich zunächst beim Hausarzt vorstellen sollen. Über 80 % der Beratungsanlässe klären wir in der Hausarztpraxis. Auch das zeigen Studien. Somit braucht es nur selten einen Facharzt. Das entlastet massiv das System. Würden alle das System leben, hätten wir in Deutschland wieder deutlich mehr Facharzt-Termine zur Verfügung. Leider muss ich da auch meine Kollegen in die Pflicht nehmen. Es erfolgen viel zu viele unnütze Kontrolltermine.
Ein Beispiel: nach einem Herzinfarkt möchte viele Kardiologen den Patienten jedes Jahr sehen. Dies ist völlig unnötig, da dieselben Untersuchungen auch beim Hausarzt gemacht werden können und dem System deutlich günstiger kommen.
Beim Hausarzt-Programm ist auch wichtig zu erwähnen, dass das Praxisteam eine viel größere Rolle spielt. Leistungen werden heute nicht mehr nur noch durch den Hausarzt erbracht, sondern von dem gesamten Praxisteam. Hier spielen Abrechnungsmodalitäten eine große Rolle.
Ein weiterer Vorteil des Hausarztprogramms sind enger getaktete Gesundheitschecks. Normalerweise finden diese alle drei Jahre statt. Beim Hausarzt-Programm erfolgen diese alle zwei Jahre. Somit können wir eher ein Risiko bei dem Patienten erkennen.

2. Jetzt haben Sie uns die Vorteile aufgezeigt, doch widerspricht das Programm nicht der derzeitigen Situation im Hausarztbereich? Es gibt immer weniger Hausärzte, die Praxen sind überfüllt, die Datenflut nimmt zu, die Wartezeiten werden immer länger und nun sollen die Patienten wegen jeder Wehwehchen, einmal stark übertrieben, zu Ihnen kommen und Sie schicken ihn dann zu einem Facharzt. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Ich sehe keinen Widerspruch. Unser Gesundheitssystem in Deutschland verändert sich gerade radikal. Das ist auch dringend nötig, da es sonst nicht mehr finanzierbar ist. Natürlich arbeiten wir in den Praxen sehr viel. Das liegt aber auch daran, dass die Gesundheitskompetenz der Menschen immer mehr abnimmt. Niemand geht weltweit so häufig zum Arzt wie wir Deutschen. Leider zeigen die Daten, dass wir trotz häufiger Arztbesuche nicht gesünder sind oder länger leben als Menschen in anderen Ländern, die deutlich weniger zum Arzt gehen.
Unsere Arbeit in den Praxen wird natürlich digitaler, was der Lauf der Zeit ist. Hier haben wir aber auch lange Zeit geschlafen. Auch ist das System auf den Arzt ausgerichtet, was in meinen Augen völliger Blödsinn ist. In der Praxis arbeiten viele gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht Medizin studiert haben. Diese können die Patienten mindestens genauso gut versorgen!
Diese Grundgedanken spiegeln sich im Hausarzt-Programm wider. Es gibt viele innovative Projekte in Deutschland, die das bereits hervorragend umsetzen. Auch die Digitalisierung hilft uns dabei.

3. Ich kenne das noch aus früheren Zeiten. Da musste man auch erst zum Hausarzt gehen und sich Überweisungen holen. Das muss ich ja bei Teilnahme am Programm auch machen. Also eine Rückkehr zu bewährtem Alten? Was ist das überzeugendste Argument, warum ich als Patient am Hausarztprogramm teilnehmen soll und ich mich damit in gewisser Weise einschränken muss?
Ich sehe das nicht als Einschränkung. Wir müssen ein Instrument installieren, sodass die Patienten richtig durch das System gesteuert werden. Eine finanzielle Steuerung im Sinne der Praxisgebühr, die es mal eine Zeit lang gab, hat zu einer sozialen Ungerechtigkeit geführt. Gerade die sozial schwachen in unserem System verdienen unseren Hauptfokus. Diese würden wir mit einer monetären Steuerung verlieren. Daher ist das kein Weg für mich.
Wir Hausärzte haben in unserem Gesundheitssystem in Deutschland eine Steuerfunktion. Wie bereits erwähnt, gibt es gute Untersuchungen, die zeigen, dass, wenn Patienten und Kollegen das System leben, die Patienten deutlich besser versorgt sind. Das möchte ich natürlich auch für meine Patienten. Je mehr Informationen, die ich über den Patienten bekomme, desto besser kann ich Entscheidungen und Therapien treffen. Das ermöglicht mir das Hausarzt-Programm. Da chronisch kranke Patienten in der Regel mindestens einmal im Quartal bei uns in der Praxis sind, können sie sich jederzeit für geplante fachärztliche Termine eine Überweisung mitnehmen. Das führt zu keiner Einschränkung. In diesem Zusammenhang möchte ich noch mal ausdrücklich darauf hinweisen, dass Überweisungen immer für das Ausstell-Quartal und das Folge-Quartal gelten. Ein Faktum, das leider oft unbekannt ist.

Vielen Dank Herr Dr. Stüeken für die ausführliche Beantwortung unserer drei Fragen.
Das Interview führte Roland Krahl per E-Mail.