Mellen. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten des gemischten Chores Melodie Mellen (am vergangenen Wochenende) führte das Mitglied Linda Gaberle ein Interview mit Chordirektor Daniel Pütz (Foto).

Daniel, erinnerst du dich noch an deine erste Probe mit unserem Chor – und wie war dein erster Eindruck?
DIE erste Probe gab es ja gar nicht. Nach einem gemeinsamen Chorprojekt mit dem MGV Einklang Mellen, hatte sich der Frauenchor entschieden, auf eigene Faust ein gemischtes Projekt anlässlich des Jubiläums zu starten. Bei dieser ersten Probe dachte ich: Junge, Junge, ganz schön wenig Männer. Das hat sich zum Glück dann irgendwann relativiert.

Wenn du die letzten 10 Jahre in drei Worten zusammenfassen müsstest – welche wären das?
Drei schaffe ich nicht, aber vier: „Ein hoch auf uns!“ Mit diesem Titel haben wir vor 10 Jahren beim Jubiläum den Frauenchor verabschiedet und den gemischten Chor gegründet. Ich glaube auf das in der Zwischenzeit erreichte können wir stolz sein und ruhig nochmal „Ein Hoch auf uns“ singen.

Was hat dich damals gereizt, die Leitung unseres Chors zu übernehmen?
Das war keine bewusste Entscheidung. Der Frauenchor wurde immer kleiner. Wir hatten gerade den Titel Leistungschor NRW ersungen. Mir war es wichtig, dass der Frauenchor mit einem Erfolg aufhört und dann in eine sicherere Zukunft startet. Der gemischte Chor präsentierte sich damals zunächst mal als gangbare Zukunftsperspektive. Dieses Versprechen hat er gehalten.

Vor 10 Jahren wurde aus dem Frauenchor ein gemischter Chor – was war für dich die größte Veränderung?
Der Bassschlüssel :-D. Im Frauenchor hat man mit im F-Schlüssel notierter Musik wenig zu tun. Theoretisch kann man den zwar lesen, praktisch musste man da aber erst eine gewisse Routine entwickeln, zumal ich als Tenor auch im Männerchor nie Bass-Schlüssel gesungen habe.

Gab es einen Moment, in dem du dachtest: „Okay, das wird jetzt spannend…“?
Spannend ist es immer! Aber im ernst: Wie eingangs gesagt in den ersten Proben hatte ich mangels Männern meine Zweifel. Irgendwann platzte der Knoten. Danach hat sich der Chor eigentlich konsequent positiv weiter entwickelt. Einziger Einschnitt war dann die Corona-Pandemie. Damals ist mit Chören sehr gedankenlos umgegangen worden. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass das weitestgehend alle Chormitglieder mitgetragen und durchgehalten haben.

Was hat sich musikalisch am meisten verändert – und was ist gleich geblieben?
Wir singen vierstimmig, im Frauenchor war alles dreistimmig. Besagte Bass-Notation kam hinzu. Wir spielen heute auch häufig mit Piano-Begleitung. Außerdem ist das Liedgut deutlich anspruchsvoller und moderner geworden.

Gibt es etwas, das Männer und Frauen im Chor typisch unterschiedlich machen? (Du darfst ehrlich sein)
Männer bleiben in der Regel nach der Probe noch ein bisschen länger und pflegen weniger über Outfits zu reden. Frauen hingegen sind offener, einfach mal beim Chor vorbeizuschauen und sich darauf einzulassen. Daher haben die meisten Chöre auch eher einen Frauenüberschuss. Das sind zumindest meine Erfahrungen.

Welche Probe wirst du niemals vergessen – und warum?
Einmal war die Autorin Kathrin Heinrichs zu Besuch bei uns. Sie recherchierte für ihr Buch „Aus dem Takt“. Viele der Dinge, die in unserer Probe stattgefunden haben, haben den Weg ins Buch gefunden. Das Einsingen etwa oder das Stück „Mambo“. Dass der Chorleiter ermordet wurde und zunächst auch noch Daniel hieß, hab ich mal nicht persönlich genommen. Aber so hat unser Chor mit dieser Probe seine ganz eigene Form der literarischen Unsterblichkeit erlangt.

Gab es schon mal einen Moment, in dem du innerlich lachen musstest, aber ernst bleiben wolltest?
Klar. Wobei sowohl Proben als auch Konzerte immer vom Spaß getragen werden. Bei einem Auftritt hab ich mal einen Einsatz nicht gegeben. Der gesamte Chor hat reagiert – oder eben nicht – und verfiel instantan in Schweigen. Ich musste laut loslachen. Der Chor tat es mir gleich. Dann hab ich den Einsatz gegeben und es wurde normal weitergesungen. Das Publikum dachte, das gehöre zur Show. Schön war es dabei für mich zu sehen, wie sehr sich die Sängerinnen und Sänger auf mich konzentrieren und auf mein Dirigat verlassen.

Wenn unser Chor eine Serie wäre: Welches Genre wäre es – und warum?
Hmmm… ich denke eine Mischung aus Soap, Musikfilm und Dokudrama in ländlicher Idylle.

Welche Ausrede fürs Zuspätkommen hast du schon zu oft gehört?
Keine. Ich hab das Gefühl, dass es den Leuten generell wichtig ist, zur Probe zu kommen und sie das auch ernst nehmen. Wenn jemand zu spät kommt, wird das einen guten Grund haben. Keiner platzt gerne als letzter in eine Gruppe von 50 Leuten. Ich sag dann „Hi“ und gut ist es. Eine Ausrede braucht es nicht.

Was macht für dich einen richtig guten Chorklang aus?
Geil wird es, wenn es rollt. Wenn der Chor weiß, welche Töne er zu singen hat, den Text kann und dann richtig loslegt. Irgendwann rasten Töne und Rhythmik ein, wie in einen Kettenzug. Wenn ich dann Gänsehaut kriege, brauche ich nicht mehr viel zu hören, dann weiß ich, dass es gut klingt und dass das Publikum dies genauso spürt.

Gibt es ein Stück, das für dich besonders für unseren Chor steht?
Das sind glaube ich mehrere, die wir so fest im Repertoire haben, dass man sie nicht wegdenken kann, von allen beherrscht werden und daher auch häufig bei entspannteren Gelegenheiten gesungen werden.

Wie gehst du damit um, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant?
Ich stampfe vor Wut so fest auf, dass ich in den Boden einsinke und dann zerreiße ich mich in zwei Hälften. Nein, Quatsch. Ich mache das jetzt seit 17 Jahren und habe vorher bereits fast 10 Jahre selbst gesungen. Ich weiß, dass nicht alles immer so klappt, wie ich das gerne hätte und auch nicht jeder so viel Zeit in sein Chorleben investiert, wie das vielleicht wünschenswert wäre.
Mich ärgern eher organisatorische Dinge als musikalische. Wenn Sängerinnen und Sänger nicht auf Ter­min­abstimmungen reagieren, ihre Texte nicht auswendig lernen oder von mir bereitgestellte Übungshilfen nicht nutzen. Das sind sehr kleine Dinge, mit denen man als Chorsänger den Organisatoren das Leben unfassbar erleichtern kann.

Was macht dir als Chorleiter an unserer Gemeinschaft am meisten Spaß?
Tatsächlich die Gemeinschaft als solche. Ich leite den Chor in Mellen beinahe so lange, wie ich in Balve lebe. Damit ist er integraler Bestandteil meines Lebens hier vor Ort. Ich hab mittlerweile viele Freunde, Bekannte und auch Verwandte im Chor. Das schweißt zusammen.

Wie viel Arbeit steckt eigentlich in einer Chorprobe oder einem Konzert, die wir Sänger*innen gar nicht sehen?
Ich glaube den Sängerinnen und Sängern ist nicht bewusst, wie viel Zeit ich auch für das Spiel hinter den Kulissen aufwende. Die Vorstandsarbeit, wenn ich auch kein Teil des Vorstandes bin beispielsweise. Irgendwie hat man ja doch immer ein Auge darauf, was der Chor so plant und auch in welcher Form – beispielsweise diese Jubiläumsfeier.
Man hat als Chorleiter ein Interesse daran, dass der Chor auf allen Ebenen erfolgreich ist. Das betrifft oft auch „Menschliches“. Als Chorleiter ist man immer auch Diplomat und vermittelt zwischen verschiedenen Interessen, oft nicht ohne selbst in den Fokus der Kritik zu geraten, gerade, weil man es eben vielen Leuten gleichzeitig recht machen muss. Liedgut ist da auch immer ein Thema.
Das soll natürlich nicht bedeuten, dass die musikalische Arbeit zu vernachlässigen wäre. Ich verbringe wirklich viel Zeit meines Lebens zu Hause in meinem Arbeitszimmer vorm Rechner oder am Klavier, suche Stücke heraus, bereite diese vor, erstelle Übungsfiles und so weiter.

Hörst du privat auch noch Chormusik – oder brauchst du manchmal eine musikalische Pause?
Ich höre privat so gut wie gar keine Musik. Bei meinen vielen Autokilometern läuft in der Regel WDR5 (oder wie es ein Kumpel „liebevoll“ nannte: „Radio Schnarch“) oder ein Podcast. Ich mache jeden Tag Musik und genieße diese live. Ich hab mich immer mehr zu den Musikschaffenden gezählt als zu den Konsumenten von Musikproduktionen.

Worauf bist du nach 10 Jahren besonders stolz?
Ich finde der gemischte Chor Melodie Mellen hat sich wirklich sehr stark entwickelt. Von einem Chor mit gerade einmal zwölf Sängerinnen, der kurz vor der Auflösung stand, zu einem der mitgliederstärksten Chöre im Stadtgebiet mit derzeit 54 Sängerinnen und Sängern. Ich denke, ich hab da vielleicht auch einen gewissen Teil zu beigetragen. Hier sei aber auch die Arbeit des Vorstandes, allen voran unserer Vorsitzenden Mechthild Blöink genannt. Und natürlich die der kürzlich verstorbenen Ehrenvorsitzenden Angelika Woosmann. Angelika, war es, die seinerzeit die Weichen für diese Erfolgsgeschichte gestellt hat.

Gibt es etwas, das du dem Chor für die Zukunft wünschst?
Ich hoffe, dass der Chor seinen bisher gesunden Anteil an männlichen Stimmen weiter ausbauen kann, dass die Sängerinnen und Sänger weiterhin so engagiert bei der Sache sind und so viel Spaß haben und dass wir uns vielleicht doch nochmal in den kommenden Jahren der Herausforderung eines Leistungssingens stellen.

Und zum Schluss: Warum lohnt es sich deiner Meinung nach, Teil dieses Chors zu sein?
Zunächstmal ist Singen ein tolles Hobby, das ich in Gemeinschaft ausleben kann ohne sonntags morgens im Regen über einen Fußballplatz zu hetzen. Im speziellen macht das Singen in Mellen, glaube ich, besonders Spaß, weil es ein intakter Verein ist, der einerseits Vereinsleben mit den damit verbundenen Werten hochhält, andererseits aber auch zukunftsgewandt nach vorne blickt und bisher einen guten Riecher für den Puls der Zeit bewiesen hat. Außerdem sind die Proben mit uns auch glaube ich ganz lustig. Also: Montagsabends 19.30 Uhr auf nach Mellen!