Märkischer Kreis. Mit nostalgischer Brille feiert eine ganze Generation ihre Kinder- und Jugendzeit in der aktuellen Popkultur. Serien wie „Stranger Things“ oder Filme wie „Masters of the Universe“ haben unzählige Fans und mit ihnen ist ein früheres Nischenthema lange im Mainstream angekommen. Im sauerländischen Lüdenscheid wird ein Podcast produziert, der sich genau dieses Themas annimmt und wer ihn hört, wird sich gleich zu Hause fühlen, denn die Hoster Simon Fistrich und Sebastian Göttling sprechen, nicht nur wie ihnen der sauerländer Schnabel gewachsen ist, sie berichten vor allem in der „Rückspultaste“ auch über das Heranwachsen in der sauerländischen Provinz. Ihr Podcastflaggschiff „Trek am Dienstag“ läuft seit 2017 und ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Star Trek Podcasts. Die HÖNNE-ZEITUNG unterhält sich mit den beiden, über die Retrowelle, das Aufwachsen im Sauerland und die Herausforderungen durch Social Media.
Galaktisch aufs Ohr bietet seinen Hörern ein eigenes Podcastuniversum. Erzählen Sie uns was über das Projekt und seine drei Hauptableger!
Simon Fistrich: Unter dem Label Galaktisch aufs Ohr versammeln wir unsere drei Podcast-Formate unter einem gemeinsamen Dach. Außerdem heißt so unsere kleine Firma, welche die drei Podcasts verlegt. Das Flaggschiff ist Trek am Dienstag, unser wöchentlicher Star-Trek-Podcast, mit dem wir seit April 2017 sehr ausführlich, persönlich und meinungsstark in Ausstrahlungsreise durch das Franchise reisen. In der Zauberlaterne stellen wir uns seit 2023 unsere Lieblingsfilme vor und besprechen deren Wirkung und Hintergründe. Die Rückspultaste gibt es bereits seit 2016. Dort schauen wir zurück auf Popkultur, Medien und Alltagsphänomene vergangener Jahrzehnte, zu denen wir biographisch anknüpfen können. Das hat oft was Nostalgisches, soll aber nie bei bloßer Verklärung bleiben, sondern immer auch einordnen, warum bestimmte Dinge damals so waren und wie sie damals und heute auf uns wirken.
Sie beschäftigen sich in Ihren Podcasts mit Retrothemen der 80er und 90er Jahre. Woher kommt die Liebe zu dieser Zeit? Was gab es damals, was Sie heute vermissen?
Sebastian Göttling: Ich würde es nicht unbedingt Liebe zu den 80ern und 90ern nennen. Vielmehr eine ganz persönliche und innige Beziehung zu den Jahren zwischen dem ersten Einsetzen konkreter Erinnerungen (mit etwa dreieinhalb Jahren) bis zum Schulabschluss. Ich glaube, in diesen Jahren formen sich lebenslange Freundschaften, aber auch zum großen Teil Hobbys und Mediengeschmack. Für Leute, die älter oder jünger sind als wir, fällt das in andere Jahr(zehnt)e. Wenn ich eines von damals vermisse, dann, dass es damals keine sozialen Medien gab, die Öl ins Feuer der Kommunikation gegossen haben. Die Leute hatten damals genau so krass unterschiedliche Meinungen wie heute, aber sie haben sie für sich behalten (müssen). Sie haben sie einander nicht digital um die Ohren gehauen – angefeuert von Algorithmen, die solch schlechtes Benehmen auch noch belohnen und fördern, um Mechanismen in Gang zu setzen, die Einnahmen generieren. Geld, das auf Kosten einer gesellschaftlichen Gelassenheit verdient wird.
Anfang des Jahres ging mit der Netflix Serie „Stranger Things“ einer der Höhepunkte der Retro-Welle der letzten Jahre zuende. Denken Sie, der Hype um die 80er ist damit zuende?
Sebastian Göttling: Ich gebe zu, mit „Stranger Things“ war ich persönlich nach dem Ende von Staffel 2 durch. Das war im Herbst 2017, also vor fast neun Jahren. Die späteren Staffeln habe nicht nur ich nicht mehr gesehen, sie haben auch in der breiten Masse bei weitem – gefühlt eine Zehnerpotenz – nicht mehr so viel Aufmerksamkeit erzeugt wie die Auftaktfolgen. Von daher ist der Stranger-Things-Hype eigentlich schon lange vorbei. Und doch kommen jedes Jahr neue Veröffentlichungen, die auf Retro-IPs fußen. Im Juni ein neuer Kinofilm zu „Masters of the Universe“ beispielsweise. Ich glaube, es gibt immer noch viele Leute, die aus solchen Inhalten in Zeiten, die sich anstrengend anfühlen, eine Art innerer Ruhe schöpfen. Es gibt aber auch zunehmend Menschen, die davon genervt sind, dass der Mainstream mitunter schamlos Retro bedient. Schamlos soll heißen, dass sich Retro-Content oft reduziert auf bloßes Zeigen – „guck mal, kennste noch, war das nicht schön?“ – anstatt zu versuchen, das Gezeigte mit Leben und neuer Erkenntnis zu füllen. Etwas Kreatives damit zu machen. Einige wenige Ausnahmen schaffen das. Ist der Hype zuende? Ich glaube, es ist zerfasert. In Fans auf der einen, Skeptiker auf der anderen Seite und zig Abstufungen dazwischen.
Simon Fistrich: Ich hab’s hingegen bis zu Ende gesehen, auch wenn mich die absurd langen Wartezeiten auf neue Folgen immer komplett rausgerissen haben. Das Ende hatte für mich auch weniger etwas von einem großen Schlusspunkt. Eher geht vielleicht eine Phase zu Ende, in der die 80er-Jahre die Retro-Kultur sehr stark bestimmt haben. Die 90er-Jahre und frühen 2000er sind ja längst schon da. Popkultur greift ständig auf Vergangenes zurück, weil sich darüber Gefühle, Erinnerungen und auch ein bestimmter Zeitgeist gut erzählen lassen. Die 80er verschwinden also nicht, der neue He-Man-Film, den Sebastian nannte, ist da ein gutes Beispiel für.
Inwieweit verzerren Shows mit Nostalgiebrille den Blick auf eine Zeit, die vom kalten Krieg, Umweltverschmutzung und Tschernobyl geprägt waren?
Sebastian Göttling: Ich glaube nicht, dass es die Shows sind, die verzerren. Zumindest nicht diejenigen, die versuchen, die Wahrheit zu erzählen, also das Schöne von damals in einem Atemzug zu nennen mit all den dunklen und unangenehmen Dingen, die zeitgleich und sogar überlappend existierten. Die Verzerrung in Reinform passiert in fürchterlichen YouTube-Kommentaren unter hochgeladenen alten Shows und Serien. „Damals konnte man noch alles gucken!“ Oder: „Heute gibt es nur Müll!“ Diese Narrative sind nicht nur unterkomplex und in all dem, was ausgeblendet oder umgedichtet wird, sachlich falsch, sie werden auch politisch perfide instrumentalisiert.
Simon Fistrich: Ich glaube auch nicht, dass die Shows an sich das Problem sind. Nostalgie ist völlig in Ordnung, solange sie nicht in Verklärung kippt. Man darf frühere Zeiten mögen, aber man sollte nicht so tun, als seien sie frei von Krisen oder gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gewesen. Aber es ist für mich legitim, mir zu gestatten, mit Wärme an Dinge zurückzudenken oder erinnert zu werden, die ich geliebt habe oder die mir Geborgenheit gegeben haben. Ich erschaffe mir dabei womöglich eine Realität, die negative Aspekte ausblendet, aber das tue ich dann eben bewusst. Social Media wie besagte Kommentare sehe ich als Katalysator für die menschliche Neigung, einfache Geschichten lieber zu verfolgen als komplizierte Wahrheiten. Die Versuchung ist bei Nostalgie groß. Umso wichtiger ist für mich eine gewisse geschichtliche und politische Bildung, übrigens auch im popkulturellen Bereich. Nicht um Menschen Nostalgie auszureden, sondern sie zu befähigen, zwischen persönlicher Erinnerung, kultureller Verklärung und historischer Wirklichkeit unterscheiden zu können.
Jugendkultur ist in Stranger Things ein zentrales Thema. Was denken Sie kann „die Jugend von heute“ von den Kindern der 80er lernen?
Sebastian Göttling: Unsere Podcasts sprechen hauptsächlich Altersgenossen an, es gibt aber auch eine kleinere Zahl Fans, die zwischen 15 und 30 Jahre jünger sind. Wir befassen uns kritisch mit Medien von damals – und diese jungen Menschen wiederum befassen sich kritisch mit unseren Analysen. Dabei haben sie wahnsinnig spannende, frische und junge Blickwinkel, von denen ich in Gesprächen viel lerne. Ich finde es wichtig und bereichernd, wenn Leute ab dem mittleren Alter aufwärts sich von klugen jungen Menschen etwas beibringen lassen. Und nicht umgekehrt – da liegt für mich weniger Segen drauf. Ansonsten dürfen gerne alle Altersklassen – jung wie alt – lernen, was ich oben schon sagte: Lebt bewusst mit dem Internet und den sozialen Medien. Hört auf, den Almighty Algorithm zu füttern.
Simon Fistrich: Vielleicht, dass nicht jeder Moment wichtig ist und sofort genutzt oder verwertet werden muss. Die Kinder der 80er-Jahre mussten sich öfter selbst was ausdenken, waren unmittelbarer miteinander in Kontakt und hatten mehr Gelegenheiten, Dinge zu erleben, ohne dass ständig ein Bildschirm dazwischen hing. Vielleicht sollte „die Jugend von heute“ versuchen, sich das Beste aus beiden Welten zu bewahren: Die heutige digitale Kompetenz mit ihren Möglichkeiten auf der einen, die analoge Präsenz und das direkte Erleben von damals auf der anderen Seite.
Die „Rückspultaste“ bietet nicht nur eine Retrospektive der 80er Jahre Popkultur, auch Ihre eigene Jugend und das Heranwachsen in einer sauerländischen Stadt sind immer wieder Thema. Was bewegt einen dazu teilweise sehr intime Erlebnisse, „Dönekes“ aus der Schulzeit an einem Sauerländer Gymnasium und Tagebucheinträge mit einem so großen Publikum zu teilen?
Sebastian Göttling: Wir haben die Erfahrung gemacht: Je persönlicher und spezifischer wir erzählen, desto lebhafter denken Hörerinnen und Hörer über ihre eigene Vergangenheit nach. Aus unseren sehr spezifischen Erzählungen entsteht durch deren schiere Menge ein Eindruck von Universalität, den das Publikum dann wieder zu etwas Persönlich-Spezifischem macht. Unsere Lüdenscheider Berichte führen dazu, dass Leute Erkenntnisse über ihr Leben in der Norddeutschen Tiefebene gewinnen. Es gibt aber auch Leute, die können oder wollen diese Art der Transferleistung nicht machen. Die überspringen die Folgen, die zu persönlich sind und warten lieber auf unsere nächste Analyse eines popkulturellen Themas. Das ist auch okay, aber uns ist das alles Teil ein und desselben großen Mosaiks, das wir Sendung für Sendung, Stein für Stein zusammensetzen.
Ihr erfolgreichster Podcast ist „Trek am Dienstag“. Nicht nur der Titel ist eine Verneigung vor dem TV-Programm vergangener Zeiten. Woche für Woche hören Ihnen Tausende Menschen zu, wie Sie über alte Star-Trek-Folgen reden. Was denken Sie bringt Ihre „Roddenbärchies“, wie Sie Ihre Fans nennen, dazu lieber zwei Menschen dabei zuzuhören, wie sie über alte Serien sprechen, anstatt aktuelle Produktionen zu verfolgen?
Simon Fistrich: Das müssen Sie die Roddenbärchis fragen. Wir können nur vermuten, woran das liegt. Viel hat unserer Meinung nach mit Authentizität und Verlässlichkeit zu tun. Wir verstellen uns nicht, und wir sagen, was wir denken. Eben ohne in Ehrfurcht vor unseren Themen zu erstarren, auch wenn wir da vielleicht gelegentlich mal auf Zehen treten. Ein weiterer Grund könnte sein, dass wir unsere Freundschaft nicht nur spielen, sondern tatsächlich seit der Schulzeit sehr intensiv miteinander befreundet sind und einen entsprechend vertrauten Umgang miteinander pflegen. Diese intime und offene Atmosphäre, in der man ohne Bedenken frei von der Leber weg Meinungen austauschen kann, scheint sich auch aufs Publikum zu übertragen und dort geschätzt zu werden. Viele Hörende haben uns erzählt, dass es sich für sie anfühlt, als würden sie mit ein paar guten Freunden in einer Art Safe Space zusammensitzen. Dazu bieten wir verlässlich und ohne Ausfall seit April 2017 wöchentlich diese Räume, welche die Menschen ein bisschen aus dem anstrengenden Alltag holen.
Wenn man Ihren Folgen lauscht, hört sich Ihr Tun wie pures Vergnügen an. Mit (wenn der Hoster mitspielt) verlässlich zwei Veröffentlichungen pro Woche, stellt das Podcastgeschäft aber harte Arbeit dar, von der Sie mittlerweile beide leben können. Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Simon Fistrich: Auch wenn die Entwicklung positiv ist, können wir noch nicht allein von unserer Podcast-Arbeit leben. Als freiberufliche Journalisten und Autoren müssen wir weitere Aufgaben und Projekte stemmen, um über die Runden zu kommen. Mit einem klassischen Nine-to-Five-Job hat das, was wir tun, nicht viel gemein. Die reine Aufnahme, also die Gespräche mit Sebastian und mir sind in aller Regel tatsächlich pures Vergnügen für uns. Allerdings ist es damit nicht getan. Wir setzen uns nicht einfach so vors Mikro, sondern recherchieren ausführlich Hintergründe, studieren Begleitmaterial und entsprechende Medien, erstellen Dossiers und Scripts. Daneben gibt es viel an organisatorischen Aufgaben zu erledigen, wir betreiben beide ja eine eigene kleine Firma ohne weitere Mitarbeiter. Auch die Pflege unserer Webseiten, der Social-Media-Kanäle und der Kontakt zur Community gehören zu unseren täglichen Aufgaben. Der größte zeitliche Aufwand fließt aber in die Post Production, also in den Schnitt der Podcasts und Videos. Da kann man die Spieldauer einer Folge locker mit 3 multiplizieren, bevor sie unsere Werkstatt verlässt. Und wir sind nicht gerade dafür bekannt, uns kurz zu fassen.
Star Trek ist trotz Raumschiffen und Aliens im Kern oft ein Spiegel der Gesellschaft seiner jeweiligen Produktionszeit und deren Werte. Welche „Star-Trek-Werte“ sind Ihnen heute persönlich wichtiger als früher – und bei welchen sagen Sie rückblickend: Das war vielleicht doch zu naiv gedacht?
Simon Fistrich: Früher war für mich an Star Trek vor allem die optimistische und in Teilen utopische Ausstrahlung wichtig: Vernunft statt Reflex, hinter das Äußere blicken, eine Zukunft skizzieren, in der die Menschheit viele ihrer heutigen Probleme hinter sich gelassen hat. Gerade dieser Glaube an Entwicklung und Verständigung war für mich ein attraktives Alleinstellungsmerkmal, als ich die Serie als Schüler entdeckte. Heute haut mich das nicht mehr so sehr von den Socken, weil ich inzwischen viele Werke kenne, die weniger gefällig, dafür aber oft ehrlicher und menschlich komplexer sind als diese klassische, recht gradlinige Star-Trek-Utopie. Eine Folge muss mich deswegen heute vor allem als Geschichte begeistern. Sie soll unterhalten, emotional etwas in mir auslösen, spannende Figuren haben. Große Ideen sind schön und gut, aber sie ersetzen keine gute Dramaturgie. Was mir an Star Trek allerdings bis heute gefällt, sind die Werte von Neugier, Empathie und der Versuch, andere Perspektiven erstmal verstehen zu wollen, bevor man sie verurteilt. Naiv erscheint mir der Glaube, dass wir alle die gleiche Vorstellung einer utopischen Zukunft haben sollen. Ich finde es aber trotzdem gut, dass Star Trek diesen Horizont weiter aufmacht, vielleicht nicht als realistische Vorhersage, aber als Idee, an der man sich reiben oder orientieren kann.
Sebastian Göttling: Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, heute vor den „Star-Trek-Werten“ in Ehrfurcht zu erstarren. Nicht falsch verstehen, die Serie transportiert viele kostbare Botschaften. Doch hauptsächlich ziehe ich mittlerweile aus guten Star-Trek-Episoden gekonntes Storytelling mit ansprechenden Charakteren in einem Setting, das zu einem faszinierenden Kontinuum ausgearbeitet wurde. Ich habe das Gefühl, dass unsere Welt und auch ich selbst am meisten Empathie für die Mitmenschen nötig hat – und das vermittelt mir ein einfühlsamer Film mit komplexen Charakteren am ehesten. Das tut Star Trek auch, aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt – man könnte fast sagen, Star Trek war für mich Türöffner zu Medien mit noch tieferen Aussagen. Es muss aber auch nicht immer mega-deep sein. Aktuell habe ich endlich die erste Staffel „Ted Lasso“ angeschaut und muss sagen, dass die Serie ein hervorragendes Plädoyer dafür ist, einfach (Pardon für den Kraftausdruck) kein Arschloch zu sein.
Zuletzt: Wenn in 30 Jahren ein Podcast über die alten Trek am Dienstag Folgen rauskommt, was wäre der ideale Titel?
Sebastian Göttling: Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich wünsche ich mir, mich in 30 Jahren noch guter körperlicher und geistiger Gesundheit zu erfreuen. Andererseits wäre es mir lieb, dass ich, wenn ein Podcast erscheint, der unsere Podcasts seziert, vorher Richtung Sto‘Vo‘Kor ziehe und das nicht mehr mitbekommen muss.
Simon Fistrich: „Immer die Dicken“. Wer das verstehen will, sollte mal bei uns reinhören.
Herr Göttling, Herr Fistrich, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch und freuen uns schon jetzt mit Ihnen auf Ihre nächste Folge.
Das Interview führte Daniel Pütz per E-Mail.



