Sorgfältig und mit höchster Präzision wird in den Zelten am Steinbruch geforscht.
Beckum. Seit einigen Wochen herrscht wieder reges Treiben in den kalkigen Bodenschichten von Beckum. Dort, wo sich vor Millionen von Jahren ein prähistorisches Riff befand, sind aktuell wieder zahlreiche Nachwuchswissenschaftler und erfahrene Paläontologen im Einsatz. Während einer zweimonatigen Grabungsperiode von Mitte Juli bis Mitte September, suchen sie zielstrebig und neugierig nach fossilen Schätzen und „erdgeschichtlichen Puzzlestücken“, wie Projektleiter Jerome Gores sie gerne nennt. Grund für die einmonatige Verkürzung der sonst dreimonatigen Forschungsarbeiten ist die Landesausstellung in Münster, welche in diesem Jahr unglücklicherweise genau in den Zeitraum der traditionellen Grabungen fällt.
Die Erforschung dieser bedeutenden Fundstätte liegt bereits seit 2002 in den Händen des LWL-Museums für Naturkunde. Ins Leben gerufen wurden diese klassischen Forschungen vor 24 Jahren, als ein Hinweis auf fossile Knochenfunde den damaligen Museumspaläontologen erreichte. Zeitnah stellte sich heraus, dass es sich um Überreste von Dinosauriern handelte. Da der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gesetzlich für den Schutz und die Pflege von Bodendenkmälern in der Region zuständig ist, übernahm die Behörde umgehend die Verantwortung für das Gebiet, das in der Region bald als „Dinosaurier-Friedhof“ bekannt wurde. Die dort geborgenen Relikte bieten interessante Einblicke in die Geschichte der Tierwelt und der Kreidezeit, welche rund 125 Millionen Jahre zurückreicht.
Für Ausgrabungsleiter Jerome Gores ist die präzise Arbeit vor Ort vergleichbar mit einem riesigen Geduldsspiel. Jeder noch so kleine Knochen- oder Zahnfund hilft dabei, das Bild der damaligen Lebensräume und ihrer Bewohner etappenweise zu rekonstruieren.

Projektleiter Jerome Gores ist stolz auf den Fund von zwei aneinander liegenden Wirbeln eines Dinosauriers. Eine seltene Sensation.Fotos: Aleksandra Mösta
Da diese Aufgabe enorme Ausdauer, Konzentration und fachliche Präzision erfordert, setzt das Grabungsteam auf eine organisierte Arbeitsteilung. Das Projekt gliedert sich in zwei Teams von jeweils etwa fünfzehn Studierenden und Forschenden. Die Gruppen wechseln sich monatlich ab und erforschen tagtäglich über mehrere Stunden das alte Riffgebiet auf fossile Schätze.
Dass sich dieser Aufwand lohnt, zeigt auch das internationale Interesse an den Ergebnissen der vergangenen Jahre. Polnische Spezialisten analysieren fossile Zahnfunde genauer, während Schweizer Experten die Überreste prähistorischer Schildkrötenarten untersuchen.
Auch die Bilanz der aktuellen Saison fällt schon nach wenigen Wochen äußerst positiv aus. Allein in den ersten 3 Wochen konnten mehr als 350 eingemessene Funde geborgen werden. Zu den Highlights zählt auf jeden Fall der Fund eines nahezu vollständigen Schildkrötenschädels. Des Weiteren konnten auch große Teile des Beckens eines Mantellisaurus sichergestellt werden, sowie der Wirbel eines Krokodils.
Doch wie läuft die Schatzsuche in der Praxis ab? Die fossilführenden Schichten in Beckum bestehen überwiegend aus feinem Ton. Es ist also eine vorsichtige und präzise Vorgehensweise gefragt.
Die Forschenden schaben im ersten Schritt das Sediment schichtweise mit speziellen Tonschlaufen ab. Material, das Hinweise auf Fossilien enthält, wird auf überdachten Planen getrocknet. Der getrocknete Ton wird zunächst in Wasser aufgeweicht und anschließend durch Siebe mit unterschiedlichen Maschenweiten gespült. Während das Restmaterial früher ungesichtet nach Münster transportiert wurde, können die Forschenden die Funde seit dem vergangenen Jahr direkt im Feldlager behutsam säubern und voruntersuchen.
Die finale Aufbereitung erfolgt schließlich in den Werkstätten des LWL-Museums in Münster. Dort werden die Objekte unter dem Mikroskop ausgelesen, gefestigt, geklebt und wissenschaftlich bestimmt. Es steht den Wissenschaftlern und Studenten also jedes Jahr ein langer Prozess voller Fleißarbeit und Sorgfalt bevor.
In der Vergangenheit bot die Fundstätte bereits echte Sensationen. Dazu gehören die Erstbeschreibungen von Bructerodon alatus und Cheruscodon balvensis. Dieser trägt die regionale Verbundenheit sogar im Namen. Beide Arten zählen zur ausgestorbenen Säugetiergruppe der Multituberculata, die im Erdmittelalter eine ähnliche ökologische Nische besetzten, wie heutige Nagetiere.
Die bisherigen Ausgrabungen machen deutlich, dass der fossile Reichtum des Beckumer Steinbruchs noch lange nicht erschöpft ist. Es bleibt abzuwarten, welche Geheimnisse der Urzeitboden noch preisgeben wird. AM



